Rassegeflügel ist weit mehr als ein „Zuchtprojekt“ oder ein „nostalgisches Hobby“ – es ist ein lebendiges Archiv unserer agrarischen Kulturgeschichte und eine genetische Ressource von unschätzbarem Wert. Als „Genbank der Nutzgeflügelzucht“ erfüllt es eine zentrale Aufgabe: den Erhalt und die Weitergabe ursprünglicher, robuster und vielfältiger Geflügelrassen.
In Zeiten globaler Biodiversitätsverluste und industrieller Monokulturen kommt dem Erhalt alter Geflügelrassen eine zentrale Bedeutung zu. Dieser privat aufgebaute Genpool benötigt staatlichen Schutz, gezielte Förderung und eine Neubewertung seiner tatsächlichen Bedeutung und seines Nutzens.
1. Bedeutung des Rassegeflügels für die Biodiversität
• Rassegeflügel stellt einen unersetzlichen Genpool dar, der Eigenschaften wie Robustheit, Anpassungsfähigkeit, Fleischansatz und ursprüngliche Legeleistung bewahrt.
• Die genetische Vielfalt dieser Tiere ist ein strategischer Puffer gegen Krankheiten, Klimaveränderungen und züchterische Engpässe.
• Der Erhalt alter Rassen ist ein Beitrag zur nachhaltigen Landwirtschaft und zur Sicherung zukünftiger Zuchtziele.
2. Private Initiative statt staatlicher Förderung
• Die bestehende Genbank für Rassegeflügel wurde ohne staatliche Subventionen von privaten Personen aufgebaut und wird ausschließlich privat finanziert und im Rahmen der Rassegeflügelzucht betrieben.
• Es existiert kein Bundessortenamt für Geflügel, keine zentrale Sammlung, keine Kryo-Konservierung – anders als z. B. im Obst- und Pflanzenbereich.
• Die Sicherung dieses Genpools liegt in der Hand engagierter Züchter, die ehrenamtlich und ohne institutionelle oder rechtliche Rückendeckung agieren.
Anmerkung/Erläuterung/Hintergrund
• Um die Nutzung obstgenetischer Ressourcen in Deutschland langfristig und effizient zu sichern und deren Verfügbarkeit gewährleisten zu können, wurde 2007 die Deutsche Genbank Obst als ein Genbanknetzwerk gegründet. Die Deutsche Genbank Obst besteht aus obstartenspezifischen Erhaltungsnetzwerken und ist damit ein wesentliches Instrumentarium zur Erhaltung obstgenetischer Ressourcen in Deutschland. Daneben gibt es eine Reihe anderer Maßnahmen der In-situ- und Ex-situ-Erhaltung von Obstsorten im Rahmen des Naturschutzes und der Landschaftspflege. https://www.deutsche-genbank-obst.de/
• Die Deutsche Genbank Obst soll die Aktivitäten verschiedener Institutionen koordinieren, die sich für die Erhaltung genetischer Ressourcen der Obstarten einsetzen.[4] Dabei sollen Obstsorten gesammelt und in wissenschaftlicher, langfristig gesicherter, nachhaltiger und kosteneffizienter Weise erhalten werden. Besonderes Augenmerk wird dabei auf deutsche Sorten inklusive Neuzüchtungen, auf Sorten mit soziokulturellem, lokalem oder historischem Bezug zu Deutschland sowie Sorten mit für Forschungs- und Züchtungszwecke wichtigen obstbaulichen Merkmalen gelegt. Der Echtheitsüberprüfung der Obstsorten kommt dabei eine wichtige Rolle zu. Diese erfolgt zum einen durch pomologische Begutachtung der erhaltenen Sorten sowie durch molekulargenetische Analysen.
• Ein weiteres Ziel der Deutschen Genbank Obst ist die Förderung der Nutzung der erhaltenen Obstsorten. Dies soll durch die obstbauliche Prüfung und Charakterisierung, die bundesweite Inventarisierung und Dokumentation sowie durch die Bereitstellung von Vermehrungsmaterial an Dritte erreicht werden. Die Sortensammlung der Deutschen Genbank Obst besteht aus den Teilsammlungen der beteiligten sammlungserhaltenden Netzwerkpartner. Sammlungshaltende Partner sind Bundes- und Landeseinrichtungen, Landkreise, Kommunen aber auch Vereine und Einzelpersonen. Die Partner verpflichten sich freiwillig dazu, ihre Sammlungen zu erhalten, zu evaluieren und zu dokumentieren sowie Vermehrungsmaterial für Dritte bereitzustellen.
In vorstehendem Text lässt sich Obst 1:1 mit Geflügel (-rassen) ersetzen und es entsteht eine nachvollziehbare Sinnhaftigkeit für den Aufbau einer Genbank Rassegeflügel.
3. Gefährdung durch staatliche Restriktionen
• Bei Ausbruch von Vogelgrippe oder Geflügelpest werden Bestände pauschal gekeult, ohne Rücksicht auf genetische Seltenheit oder Erhaltungswert.
• Es fehlt ein Notfallplan, ein „Backup-System“ oder eine Ausnahmeregelung nicht nur für bedrohte Rassen, für den Genpool „Rassegeflügel“ generell.
• Diese Vorgehensweise ist kontraproduktiv, unverständlich und gefährdet den Fortbestand wertvoller genetischer Ressourcen.
4. Forderungen an Politik und Fachinstitutionen
• Einrichtung eines Bundessortenamts für Geflügel oder einer vergleichbaren Institution zur Erfassung, Sicherung und Förderung alter Rassen.
• Aufbau einer nationalen Genbank für Rassegeflügel mit Kryo-Konservierung, digitaler Erfassung und Notfallstrategien.
• Anerkennung privater Zuchtinitiativen als Partner im Erhalt genetischer Vielfalt – mit rechtlicher Absicherung und finanzieller Unterstützung.
• Entwicklung eines Seuchenschutzkonzepts, das den Erhalt nicht nur gefährdeter Arten u. Rassen, sondern Rassegeflügel generell, berücksichtigt und nicht pauschal liquidiert.
• Vorbereitung von staatlichen Impfstrategien zum Schutz der Arten und Rassen im Bereich Geflügel. Generelle Ringpflicht für Rassegeflügel (Fußringe) – geimpfte Tiere lassen sich sofort selektieren und separieren.
Der Erhalt des Rassegeflügels ist kein nostalgisches Anliegen. Er ist eine zukunftsweisende Aufgabe – eine Verpflichtung gegenüber unserer landwirtschaftlichen Geschichte, unserer genetischen Vielfalt und unserer Verantwortung für kommende Generationen.
Wer Impfungen generell ablehnt, muss mehr tun, als nur Nischen zur Erhaltung zu benennen – er muss sie aktiv schaffen. Und zwar mit staatlicher und bundesweiter Rechtssicherheit. Denn was nützt ein Schutzgedanke, wenn er im föderalen Flickenteppich zerrieben wird?
Föderalismus ist an dieser Stelle – wie wir immer wieder erleben – die völlig falsche Vorgehensweise. Unterschiedliche Auslegungen führen zu Unmut, zu Missverständnissen, zu persönlichen Anschuldigungen. Das ist unschön. Und es ist vermeidbar – durch klare, einheitliche Rechtslagen, die den Erhalt genetischer Ressourcen nicht dem Zufall überlassen.
Wer Biodiversität ernst nimmt, muss auch die genetischen Ressourcen im Bereich Geflügel schützen. Es ist höchste Zeit, dass Politik und Gesellschaft diesen Genfundus erkennen – diesen Schatz, der wie beim Obst längst als erhaltenswert gilt.
Und ja, es drängt sich die Frage auf: „Pflanzenschutz“ und „Tierschutz“ – warum nicht auf einer Stufe? Die politisch Verantwortlichen könnten es beantworten. Vielleicht. Aber wir – als Züchter, als Fachleute, als Gesellschaft – sollten es einfordern.
Die Verantwortung der Veterinärbehörden im Seuchenfall ist nachvollziehbar. Präventive Maßnahmen wie Ausstellungsverbote oder Keulungen können im Sinne des Seuchenschutzes gerechtfertigt sein. Doch Verantwortung endet nicht bei der Gefahrenabwehr – sie beginnt dort erst richtig, wenn es um den Erhalt genetischer Vielfalt geht.
Die Sicherung eines Genpools und der Biodiversität im Nutzgeflügelbereich ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Zuchtverbände, Veterinärämter und staatliche Stellen müssen sich dieser Herausforderung gemeinsam stellen. Es braucht lösungsorientierte Ansätze, die den Schutz der Tiere mit dem Erhalt wertvoller Rassen verbinden.
Wenn Ausstellungen nicht möglich sind, müssen praktikable Alternativen geschaffen werden: Bewertungen in kleineren Stückzahlen, dezentrale Präsentationen, genetische Dokumentation. Denn ein Verbot mag kurzfristig sinnvoll erscheinen – doch ohne Alternativen wird aus Schutz Vernichtung. Wer tötet, rottet aus. Wer ausrottet, vernichtet. Das darf nicht die Antwort auf den Erhalt eines jahrzehntelang gepflegten Genpools sein.
Es ist Zeit, dass wir Verantwortung ganzheitlich denken – nicht nur für die Seuchenbekämpfung mit ihrem Apokalyptischen Ende, sondern auch für die genetische Zukunft unserer Nutztiere.
Wir möchten keine verhärteten Fronten aufbauen. Es geht nicht um Schuldzuweisungen, sondern um Lösungen. Um praktikable, tragfähige Ansätze, die den Fortbestand unseres Rassegeflügels sichern – als lebendiges Kulturgut, als genetischer Schatz, letztendlich als Grundlage für eine vielfältige und zukunftsfähige Nutzgeflügelzucht.
Rückschläge gehören im Aufbau dazu. Sie sind Teil jeder verantwortungsvollen Entwicklung. Aber sie dürfen uns nicht entmutigen. Vielmehr müssen sie uns motivieren, gemeinsam weiterzugehen – mit Respekt, mit Offenheit, mit dem klaren Ziel vor Augen: die Biodiversität zu erhalten und den Genpool zu schützen.
Wir stehen an einem Punkt, an dem es nicht um Einzelinteressen gehen darf. Was wir brauchen, ist eine Phase des Miteinanders. Ein Ziehen an einem Strang – ohne Vorbehalte, ohne Vorwürfe. Denn der Erhalt unseres Rassegeflügels gelingt nicht durch Konfrontation, sondern durch Kooperation. Zuchtverbände, Behörden, Wissenschaft und Politik müssen sich gemeinsam dem Erhalt widmen. Es braucht einen gewollten Synergieeffekt, eine echte Symbiose zwischen den staatlich verantwortlichen Stellen und den privaten Zuchtverbänden – so wie zwischen Bitterlingen und Teichmuscheln: ein perfektes Beispiel für eine gegenseitig vorteilhafte Beziehung, in der beide Seiten voneinander profitieren und gemeinsam überleben.
Diese Art der Zusammenarbeit ist kein Idealbild – sie ist eine Notwendigkeit. Denn nur gemeinsam können wir dieses Kulturgut bewahren. Nur gemeinsam können wir die genetische Vielfalt sichern, die unsere Rassegeflügelzucht und resultierend die Nutzgeflügelzucht zukunftsfähig macht.
5. Darstellung nach innen und außen
Es ist Zeit, dass wir uns besinnen – auf das, was Rassegeflügelzucht wirklich bedeutet. Weg vom Trophäenjäger, den es sicher auch in diesen Reihen geben mag. Weg vom Klischee eines nach Preisen und Auszeichnungen strebenden Gewerbes. Hin zum Züchter, der dem kulturellen Erbe verpflichtet ist. Hin zum Menschen, der mit Hingabe für das Tier und dessen Wohlbefinden einsteht.
Wir betreiben Zucht nicht aus Lust an der Sensation, nicht aus Gier nach Präsentation. Wir betreiben Zucht aus Wertschätzung. Aus dem tiefen Wunsch heraus, zu erhalten, was Generationen vor uns aufgebaut haben. Unsere Tiere sind nicht nur auf Schönheit getrimmte Ausstellungsobjekte – sie sind Träger von Geschichte, von Vielfalt, von Zukunft.
Lasst uns das Bild des Züchters neu zeichnen: nicht als Pokaljäger, sondern als Bewahrer. Nicht als Selbstdarsteller, sondern als Verantwortungsträger. Denn wahre Größe zeigt sich nicht im Glanz der Medaille – sondern im stillen Dienst am Erhalt.
• Rassegeflügel ist weit mehr als ein nostalgisches Hobby – es ist ein lebendiges Archiv unserer agrarischen Kulturgeschichte und eine genetische Ressource von unschätzbarem Wert. Als „Genbank der Nutzgeflügelzucht“ erfüllt es eine zentrale Aufgabe: den Erhalt und die Weitergabe ursprünglicher, robuster und vielfältiger Geflügelrassen. Alte Rassen tragen einzigartige genetische Merkmale, die in der modernen Hochleistungszucht oft verloren gehen. Sie sind widerstandsfähiger, anpassungsfähiger und bieten Potenzial für zukünftige Zuchtziele. Jede Rasse erzählt eine Geschichte – von regionaler Landwirtschaft, bäuerlicher Tradition und züchterischem Können. Ihr Fortbestand ist gelebter Denkmalschutz. In Zeiten von Klimawandel und Krankheitsdruck sind genetisch vielfältige Populationen ein strategischer Vorteil für die Landwirtschaft.
Weg von Medaillen – hin zur Mission:
• Die Zucht darf sich nicht in Schauwert und Pokaljagd verlieren. Der wahre Auftrag liegt im Erhalt gesunder, vitaler Tiere nach den ursprünglichen Rassemerkmalen. Jede Zuchtentscheidung sollte diesem Ziel dienen – nicht allein dem Glanz der Ausstellungsbühne. Körungen ja, aber auf den der Zucht, also den Erhalt unserer Rassen gerichtet – und nicht auf privaten Glanz und Gloria. Alte Rassen sind lebendige Zeugnisse regionaler Geschichte, bäuerlicher Tradition und züchterischer Vielfalt. Ihr Erhalt ist ein Beitrag zur Biodiversität und zur Resilienz unserer Landwirtschaft.
• Gesunde, vitale Tiere, die den ursprünglichen Rassemerkmalen entsprechen, sind das Fundament nachhaltiger Zucht. Schönheit allein darf nicht über Gesundheit und Funktionalität triumphieren – zuchtlenkende, arterhaltende Körungen bedürfen der staatlichen Erlaubnis und einer amtlich freigegebenen Umsetzung.
• Medaillen und Pokale mögen Ansporn sein – aber sie dürfen nie das Ziel überdecken. Die Zucht muss sich an ethischen, ökologischen und genetischen Maßstäben orientieren.
• Wenn wir den Fokus verlieren und nur noch auf Schauwert und Wettbewerb setzen, öffnen wir Tür und Tor für Kritik – sei es von Tierschutzorganisationen, Wissenschaft oder Öffentlichkeit. Eine Zucht, die sich auf ihre Kernwerte besinnt, ist dagegen unangreifbar und zukunftsfähig.
6. Plädoyer für neue Wege in der Rassegeflügelzucht
Auch bei vorgestelltem Kontext sind und bleiben Körungen ein essenzieller Bestandteil der Tierzucht – und damit auch für unser Rassegeflügel von zentraler Bedeutung. Sie dienen nicht nur der objektiven Beurteilung von Zuchtwerten, sondern sind zugleich ein unverzichtbares Instrument zur Erhaltung rassetypischer Merkmale und zur Förderung genetischer Vielfalt. Gerade in Zeiten, in denen Großveranstaltungen durch gesetzliche Vorgaben, seuchenrechtliche Einschränkungen und organisatorische Hürden zunehmend erschwert oder gar unmöglich gemacht werden, braucht es neue, tragfähige Wege, um die Durchführung solcher Körungen weiterhin zu gewährleisten.
Ein möglicher Ansatz wäre, die nationale Körung einzelner Rassen in kleinerem Rahmen abzuhalten oder gezielt an kleinere Veranstaltungen anzugliedern. Dadurch ließe sich der Druck, der durch die Masse an Tieren bei großen Schauen entsteht, deutlich reduzieren. Dabei geht es keineswegs darum, die etablierten Austragungsorte wie Leipzig, Erfurt oder Hannover (jetzt Bad Salzuflen) in irgendeiner Weise zu schmälern – im Gegenteil: Das Engagement an diesen Standorten ist unbeschreiblich hoch und verdient größte Anerkennung. Vielmehr geht es darum, ergänzende Lösungsansätze zu finden und neue Wege zu gehen, um die Zukunft der Rassegeflügelzucht nachhaltig zu sichern.
Regionale Körveranstaltungen und rasse- oder artenbezogene Körtage auf nationaler Grundlage, könnten hier wertvolle Beiträge leisten. Auch eine stärkere Einbindung lokaler Zuchtvereine als Gastgeber solcher Veranstaltungen wäre denkbar und würde die Last auf mehrere Schultern verteilen.
Die vermeintliche Alternative „Schau abgesagt“ oder „Schau fällt aus“ ist in Wahrheit keine Alternative – sie ist ein vernichtendes Urteil für die züchterischen Leistungen vieler engagierter Züchterinnen und Züchter. Jahr für Jahr wird mit großem Einsatz und Sachverstand an der Erhaltung alter, heimischer Geflügelrassen gearbeitet. Diese Arbeit verdient Anerkennung und Würdigung – nicht Absagen und Stillstand.
Es braucht Orte, an denen Körungen möglich sind – frei von überzogenen staatlichen Restriktionen, aber mit dem festen Willen, nicht nur unser gemeinsames Hobby, sondern das Kulturgut „Rassegeflügelzucht“ zu bewahren und zukunftsfähig zu gestalten. Denn was von den Züchterinnen und Züchtern geleistet wird, ist mehr als Freizeitbeschäftigung: Es ist ein aktiver Beitrag zum Erhalt biologischer Vielfalt, kultureller Identität und lebendiger Tradition.
Warum sollte es nicht auch möglich sein, in Musterhausen – oder einem vergleichbaren Ort – eine Deutsche Meisterschaft in einer oder mehreren Rassen auszutragen? Ich höre förmlich die lautstarken Dementis, doch ist es nach Leipzig nicht ebenso weit wie nach Musterhausen? Könnten dort nicht dieselben Preisrichterinnen und Preisrichter sowie Obmänner und -frauen ihre Bewertungen durchführen wie in Erfurt? Die fachliche Kompetenz ist schließlich nicht an einen Messeort gebunden.
Vielleicht ließe sich sogar ein geringeres Standgeld als etwa in Hannover realisieren. Und womöglich würden Züchterinnen und Züchter ihre Tiere lieber in einem – ich möchte es einmal „familiäreren“ Rahmen nennen – vorstellen, als sich dem Trubel eines großen Messezentrums auszusetzen. Am Ende handelt es sich doch um dieselben Tiere, die auch bei einer Großveranstaltung präsentiert würden. Die Qualität und die Würdigung der Zucht stehen nicht im direkten Verhältnis zur Größe des Austragungsortes.
Ein solcher Rahmen könnte nicht nur den Tieren und den Züchterinnen und Züchtern zugutekommen, sondern auch dem austragenden Verein. Der Anreiz für Besucher, einmal die „German-Champions-Chips“ einer bestimmten Rasse zu sehen, wäre hoch. Gleichzeitig würde die öffentliche Präsenz im lokalen Umfeld gestärkt – ein Gewinn für die Rassegeflügelzucht und für das Vereinsleben gleichermaßen.
Gerne dürfen Alternativen gedacht und benannt werden. Wir sind gut beraten, jeden Vorschlag gründlich zu prüfen und offen zu diskutieren. Das bloße Aussitzen von Problemen haben wir über zwei Jahrzehnte hinweg praktiziert – mit dem Ergebnis, dass wir heute vor denselben Herausforderungen stehen wie damals: Verbote, Auflagen und die Absage von Schauen. Es ist höchste Zeit, dass wir lernen, mit der Herausforderung „Vogelgrippe“ nicht nur in der Haltung, sondern auch im Ausstellungswesen aktiv und verantwortungsvoll umzugehen.
Es ist an der Zeit, sich zu öffnen – Gedanken zu teilen, Ideen zu bündeln und zukunftsträchtige Visionen in den Alltag zu integrieren. Was gemeinsam gedacht und entwickelt wird, kann zu tragfähigen Programmen und umsetzbaren Projekten heranwachsen. Der Rückzug ins stille Kämmerchen, begleitet von Resignation, Frust und Schmollen, hat uns über zwanzig Jahre lang begleitet – und uns nicht weitergebracht.
Jetzt gilt es, agil zu handeln, Herausforderungen aktiv anzunehmen und nicht erst Wochen später mit überholten Informationen zu reagieren. Wir dürfen nicht an unserer eigenen „Aristokratie“ zerbrechen – an Stagnation, an starren Strukturen, eingefahrenen Denkmustern und dem Beharren auf alten Wegen. Ein solches Scheitern wäre fatal.
Was wir brauchen, ist der Mut zur Veränderung, die Bereitschaft zur Zusammenarbeit und der Wille, unsere Leidenschaft für die Rassegeflügelzucht in eine lebendige, zukunftsfähige Bewegung zu verwandeln. Denn nur gemeinsam können wir das bewahren, was uns am Herzen liegt – und es für kommende Generationen sichern.
7. Weitere Gedanken zur Rassegeflügelzucht:
Es wäre müßig, alle Bereiche aufzuzählen, in denen die Rassegeflügelzucht hinterherhinkt – von A wie Akzeptanz schaffen bis Z wie Zuchten sichern. Doch eines ist offensichtlich: Wir brauchen Veränderung. Und wir brauchen sie jetzt.
Allzu oft erleben wir, dass Ehrenämter mit passiver Stille verwaltet werden. Doch aktive Profilierung ist nicht mit echtem Engagement für die Sache zu verwechseln – das ist meine persönliche Meinung! Was wir brauchen, ist eine operative Runde: ein Gremium, das regelmäßig, informell und vor allem schnell mit der Basis kommuniziert. Keine veralteten Mitteilungen in Fachorganen oder auf Homepages – sondern ein lebendiger Austausch, der handeln kann und handeln darf, wenn es nötig ist. Wenn Gespräche mit verantwortlichen Institutionen/Ämtern/Gremien geführt werden, dann darf man Ergebnisse erwarten, positive wie negative, ob die Gespräche freundlich geführt wurden, nun ja, aber es ist nicht die Priorisierung für unsere Anliegen.
Ein solches Gremium muss Prioritäten erkennen – und sie auch setzen. Nicht erst im Nachgang, wenn Schadensbegrenzung betrieben wird und Gemüter beruhigt werden müssen. Es braucht zielgerichtete Handlungen, konkrete Vorgehensweisen, klare Bestimmungen und juristisch belastbare Entscheidungen – und das zeitnah. Dass diese Aufgaben von fachlich versierten Personen übernommen werden sollten, versteht sich von selbst. Und diese Expertise – die haben wir. In unseren Reihen. In unserer Organisation.
Ja, es wird Unmut und Widerstand auslösen. Und dennoch: Wir sollten uns klar und deutlich für die Priorisierung des Erhalts genetischer Vielfalt und traditioneller Rassen aussprechen –
und gegen eine rein auf Prestige und Ausstellungsprämien ausgerichtete Zuchtpraxis. Zum Erhalt sind Körungen unerlässlich, in welchem Größenrahmen und in welcher Preisflut wir diese durchführen, obliegt unserer Verantwortung.
Die Zeiten haben sich geändert – und sie werden sich weiter ändern. Wer nicht mit der Zeit geht, der geht mit der Zeit. Ein solcher Standpunkt beweist nicht nur Rückgrat, sondern auch Verantwortung gegenüber der Geschichte und Zukunft unserer Arten und Rassen.
Welchen Tierschutz praktizieren wir eigentlich, wenn wir vehement und dauerhaft die Durchführung von Präsentationen und Ausstellungen fordern – selbst unter Bedingungen, die die kaum noch zu stemmen sind? Welches Signal senden wir damit nach außen? Welchen Eindruck vermitteln wir der Öffentlichkeit, wenn das Wohl unserer Tiere hinter Pokalen, Wimpeln und Prestige zurücksteht?
Wenn wir den Fokus verlieren und nur noch auf Schauwert und Wettbewerb setzen, öffnen wir Tür und Tor für Kritik – sei es von Tierschutzorganisationen, von der Wissenschaft oder von der Öffentlichkeit. Und diese Kritik wäre berechtigt. Denn eine Zucht, die sich auf ihre Kernwerte besinnt – auf Erhalt, auf Fürsorge, auf Verantwortung – ist unangreifbar. Und sie ist zukunftsfähig. Wir müssen uns fragen: Was ist unser Ziel? Wollen wir glänzen – oder bewahren? Wollen wir beeindrucken – oder schützen?
Lasst uns den Tierschutz nicht als Pflicht verstehen, sondern als Haltung. Als Grundsatz, der unser Handeln leitet. Denn nur so bleibt unsere Zucht glaubwürdig, respektiert und gesellschaftlich tragfähig.
Jedes unserer Tiere ist ein limitiertes Sonderstück – nicht reproduzierbar, nicht ersetzbar. Es trägt die Geschichte seiner Art, seiner Rasse in sich und verdient unseren Schutz, unsere Achtung und unsere Verantwortung.
Verantwortung übernehmen – für die Tiere und für die Zukunft der Rassegeflügelzucht.
Paul-Erwin Oswald
Über den Autor: Erzüchter der Altrheiner Elsterenten, Autor zahlreicher Fachartikel zur Geflügelzucht und von 2007 bis 2024 Vorsitzender im Sonderverein der Entenzüchter Deutschlands e.V.
Seit Sommer 2024 weiterhin als Ehrenvorsitzender für den Verein tätig.