Overberger Enten – Raritäten aus Holland

Die Overberger Enten stehen dieses Jahr beim SV der Entenzüchter als Entenrasse im Blickfeld. Sie bieten zweifelsohne ein apartes, sehr gefälliges Erscheinungsbild. Keine kräftigen Farben, es sind eher die zarten, zuweilen etwas verspielten Pastelltöne, die sich in den Augen des Betrachters widerspiegeln. Da diese Rasse an Aufzucht und Haltung keine besonderen Ansprüche stellt, ist es doch sehr verwunderlich, dass sie weder in ihrer 15 jährigen holländischen noch in ihrer 10 jährigen deutschen Existenz, den echten Durchbruch schaffte. Sie legen gut, sie wachsen gut, sie sind leicht zu halten – ja liegt denn tatsächlich im standardkonformen Federkleid der Hase im Pfeffer? Die Züchterdecke ist weltweit gesehen sehr, sehr dünn und be- darf dringend an Zuwachs begeisterter Anhänger. Ich möchte nachfolgend versuchen Entstehung, Zucht und Verpaarung der Overberger Enten transparenter und nachvollziehbar aufzuzeigen.

Noch kurz etwas über die Historie der Rasse. Sie wurde von Hans Ringnalda, vielen deutschen Züchtern dürfte der Name als Initiator und Ausrichter europäischer Entenschauen ein Begriff sein, in dem kleinen holländischen Örtchen Overberg erzüchtet. Geographisch liegt Overberg zwischen Utrecht und Veenendaal. Die jahrelange, sehr emsig betriebene Zuchtarbeit wurde 1996 in Holland mit der Anerkennung als Overberger Enten gekrönt. Bereits 1999 standen 18 Tiere von 3 Ausstellern in Hannover im Vorstellungsverfahren. Ihre Aufnahme in den deutschen Standard folgte postum. Zfr. Ringnalda führt an, dass die Overberger Enten aus Krummschnabelenten, khakifarbigen Campbellenten, Streicherenten, Orpingtonenten, Gimbsheimer Enten und Welsh-Harlekin- Enten entstanden. Ein echtes Sammelsurium an Rassen, mit dem man auf den ersten Blick recht wenig anfangen kann. Ringnalda gibt in einer schematischen Darstellung folgenden Werdegang vor: beginnend mit Krummschnabelenten. Es waren schmutzig weiße Fehlfarben aus dem blau-dunkelwildfarbigen Farbenschlag (in Deutschland nicht anerkannt), die mit Streicherenten verpaart wurden. Daraus resultierte eine blau-dunkel-wildfarbige Nachzucht. Diese wurden zur Aufhellung erneut an Streicherenten gesetzt. Jetzt kommt der Silberfaktor durch und die Nachzucht besteht aus weiß-silber-dunkel-wildfarbig und blau-silber-dunkel- wildfarbigen Tieren. Verständlich, dass Welsh-Harlekin-Enten zur Verbesserung des Gelbfaktors an die Nachzucht verpaart wurden. Aus diesem Mix sollen nur blau-silber-dunkel- wildfarbigen Tiere auftreten, deren Abkömmlinge dann endlich Overberger Enten in Blau-bronze ergeben. Soweit „trockene“ Theorie – es kann so gehen, muss es aber nicht!

Bleibt ergo die Frage, was ist denn mit den aufgeführten Gimbsheimer Enten, den Campbell- und Orpingtonenten? Nun, wir können auch mit „schmutzig-weißen“ Gimbsheimer Enten und Streicherenten einen Anfang wagen. Es besteht weiter die Möglichkeit anstatt der Welsh-Harlekin-Enten, khakifarbige Campbell- oder Orpingtonenten heranziehen. In der rassischen Entstehungsphase wurde sicher viel probiert und noch mehr erdacht. Dabei scheint mir die geradlinige Nachvollziehbarkeit für folgende Züchtergenerationen auf der Strecke geblieben zu sein. Verpaart man Overberger- und Gimbsheimer Enten, so erhält man kräftige blau-dunkelwildfarbige Nachkommen. Diese wiederum an Overberger gesetzt, ergeben blau-silberwildfarbige Nachkommen. Da sollten dann Welsh-Harlekin-Enten mit ins Boot genommen werden. Auch Ringnalda züchtet mit Welsh-Harlekin-Enten x Overberger Enten. Die dunklen Erpel-Nachkommen setzt er an seine hellen Overberger Enten. Machbar ist sicher auch die Version „schmutzig-weiße“ Gimbsheimer x khakifarbige Campbellenten und die resultierende Nachzucht an Overberger Enten zu verpaaren. Ähnlich verhält es sich, wenn statt Campbell – einfach Orpingtonenten eingesetzt werden. Wer so viel Auswahl hat, sollte es gefälligst lassen, die Sachsenenten mit ins Spiel zu bringen. Schnabel- und Lauffarbe wirken sich verheerend aus. Die Nachzucht ist weder in Größe noch in Farbe auch nur annähernd zu den Overbergern einzuordnen. Nicht jeder Weg passt in jede Zucht, wir müssen die Overberger Enten auch nicht neu erfinden, aber die genannten Beispiele sollten jeden Züchter in die Lage versetzen, seine Zucht behutsam aufzufrischen. Züchterische Schnellschüsse sind bei den Overberger Enten fehl am Platze. Sorgsam neue Tiere mit in die Zucht integrieren, die Nachzucht entsprechend auswählen und zielgerichtet weiter verpaaren.

Auch bei den Overberger Enten gilt der Grundsatz: zuerst Form und Größe, dann die Farbe! Als Abkömmlinge der Campbell-, Streicher- und Orpingtonenten gleichen sie sich deren Form an. Ihr Wesen ist ruhig. Mittelschwer sollen sie sein – 2,5-2,75kg darf der Erpel und 2,25-2kg die Ente auf die Waage bringen. Sie sollen, dürfen, können, müssen einen Tick schwerer sein als unsere Streicherenten – stellt sich die Frage: sind sie das auch? Stirnrunzeln und das in Mengen! Die Läufe bleiben deutlich hinter der Körpermitte eingesetzt und mit ihrer leicht aufgerichteten Haltung wirken sie gestreckt im Rumpf. Der Schnabel mittel- lang, Kopf leicht gerundet mit scharfer Kehlung. Im Hals anmutig gebogen, der zum Körper hin kräftiger wird.

Fleischig voll wird die Brust verlangt – dem ist leider nicht immer so! Am schönsten wirken die Overberger Enten, wenn die Brust ein wenig vorspringt. So wird bereits vorne ein guter Grundstock zur entsprechenden Gesamtlänge gelegt. Mitunter verlieren sich zu kurze Hansel in den Käfig. Rumpf- und Rückenlänge sind gefragt, wer da patzt, bleibt auf der Strecke. Die Bauchpartie ist glatt, seitlich rund nicht ausgesprochen voll. Im Spätherbst sehen wir der Ente einen kleinen Legebauch nach, denn irgendwo müssen die weißlich bis hellgrünen Eier ja herkommen. Im Rücken lang und genau im Bereich der Schultern beginnt eine leichte Wölbung, geradlinige Rücken lassen den Rumpf flach und leer erscheinen. Die Flügel fest und gut geschlossen, dicht am Körper getragen. Die Schwanzhaltung folgt der Rückenlinie, nur der direkte Stoß bleibt etwas angehoben. Für den Betrachter kaum sichtbar sind die Schenkel im dichten Weichengefieder versteckt. Mittellange Läufe tragen den Körper. Mit der Ringgröße 16 für beide Geschlechter sind sie nicht gerade feinknochig unterwegs.

Overberger Enten sind keine Blauen Streicherenten, so viel gleich vorweg. Blaubronze gibt der Standard als Farbbezeichnung vor. In der Grundfarbe erscheint der Erpel silbrig rahm- weiß. Brust, Halsansatz, Nacken und Schultern hellrotbraun mit silberweißer Säumung. Bauch und Flanken silberfarbig rahmweiß. Wobei die Flanken leicht rotbraun, aber immer silberfarbig gesäumt, sein können. Bürzel blau, jede Feder weiß gesäumt. Unterrücken sil- berblau mit dunklen Tupfen. Schwanz blau mit hellerem Außensaum. Schwanzlocken blau. Flügel weiß mit leichter blauer Pfefferung. Spiegel zart blau mit leicht braunem Überzug. Kein Wort im Standard über helle Spiegeleinfassungen – das ist zurzeit auch noch mehr als nur gut so! Kopf hellblau, im Hinterkopf und Ohrbereich mit leicht braunem Anflug. Wer weder im Spiegel noch im hinteren Kopfbereich den gewünschten leicht braunen Anflug zeigt, ist blau-silberwildfarbig und nicht blaubronze. Der Halsring sollte gut ausgeprägt und hinten geschlossen sein. Schnabelfarbe weidengrün, leicht gelber Anflug beim Schnabelansatz gestattet. Bei einem grünen Schnabel sollte die Bohne dunkel sein. Lauffarbe orange.

Die Enten sind in der Grundfarbe gelblich rahmweiß. Mit dem Wörtchen gelblich, also bereits in der Grundfarbe deutlich zu der Streicherente abgegrenzt. Die obere Brust, der Halsansatz, Nacken und Rücken leicht gelb mit blauer Nervzeichnung und weißem Federsaum, so der Standardtext. Im Endergebnis sehen wir dann fahlgelbe Püppchen von vorne bis hinten ohne jede Zeichnung im Federinnenfeld, eine Sackgasse für die Zucht wie ich meine. Leicht gelbe Feder mit blauer Zeichnung und weißem Federsaum – da ist Spielraum drin für Züchter und Preisrichter. Wo soll denn die blaue Farbreserve für schöne Erpel herkommen? Hier eine Nervzeichnung zu verlangen ist meines Erachtens mehr als nervig. Auf den Flügeln ein klar abgegrenzter Spiegel, leicht blauem Unterton, die gelbbraune bis bronzeartiger Farbe ist deutlich vorherrschend. Es sei angemerkt, dass auch an dieser Stelle noch keinerlei Anforderungen an Spiegeleinfassungen zu stellen sind! Schwanzfedern hellgelb ich würde mir den Bürzel noch blau gefleckt wünschen! Kopf bräunlich gelb mit blauer Strichelung auf der Stirn. Kopf und Oberhalsfarbe setzten markant vom helleren Unterhals ab. Schnabelfarbe grau bis graugrün mit dunkler Bohne. Lauffarbe schmutzig braun. Ringnalda wünscht sich eine zarte, aber deutlich sichtbare blaue Zeichnung bei der Ente. Bewusst nicht so grob angestrebt wie bei der Streicherente, jedoch auch deutlich über den Begriff Nervzeichnung hinaus gehend. Gehört ein vollständiges Fehlen der Strichelung bei der Ente zu den groben Fehlern. Zu strafen sind weiterhin weißer Kopf, brauner Schnabel, blauer oder grauer Spiegel. Beim Erpel gelten zu dunkle Mantelfarbe, nicht geschlossener Halsring, fehlende Säumung und zu brauner Kopf als grober Fehler.

Overberger Enten sind eine nicht all zu lebhafte, aber sehr umtriebige Entenrasse. Sie nutzen ihren Auslauf vollends und vertilgen dabei unzähliges an Kerbtieren und Würmern. Lecker- bissen wie Salat oder Entengrütze werden mit Heißhunger vertilgt. Sie legen gut und sind mitunter auch sehr fürsorgliche Mütter. Brut und Aufzucht verlaufen wie bei all unseren Entenrassen recht reibungslos. Saubere Badegelegenheiten gehören in die Grundausstattung jedes Wassergeflügelzüchters. Die Qualität des Wassers ist entscheidend, da rangiert die vorhandene Quantität erst an zweiter Stelle. Bei Temperaturen von über 25°C kommt es zu einer stark verminderten Aufnahme – also in den Sommermonaten darauf achten, dass ausreichend kühles Trinkwasser gereicht wird.

Zusammenfassend dürfen wir feststellen, dass es sich bei den Overberger Enten um keine unlösbare Aufgabe handelt. Es gilt die Rasse zu festigen, vor allem die Farbe. Mit kräftigeren Entenfarben sollte sich auf Dauer besser arbeiten lassen. Beharrlichkeit in der Zucht und Ziele klar verfolgen – nur das bringt letztendlich Linie in die Sache. Wer sich mit einer an- deren Rasse Anleihen schaffen möchte, dem möchte ich zu einem separaten Stamm raten. Es wäre wünschenswert, die schmale Züchter-Basis weiter auszubauen und breiter zu gestalten. Je breiter die Basis, desto einfacher ist es, Zuchttiere auszutauschen ohne in den eigenen Linien bleiben zu müssen. Neue Züchter, aber auch alte Hasen finden hier ein abwechslungsreiches Betätigungsfeld, ohne mit großen Überraschungen rechnen zu müssen. Mögen durch diese Zeilen viele neue Züchter den Weg zu unseren Overberger Enten finden.

Paul-Erwin Oswald

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